Der Moses des Michelangelo

Freuds Beziehung zur Kunst ist nicht das Überbleibsel schöngeistiger Gymnasiastenschwärmereien oder bildungsbürgerliche Konvention. Vielmehr hat er, wie der renommierte Freud-Forscher und Kulturhistoriker Peter Gay in der Einleitung zeigt, die Künstler schon früh als unentbehrliche intellektuelle Helfer auf dem Wege zur Entdeckung des Unbewußten aufgefaßt. In voller Absicht gab er dem Kernkomplex der Neurosen bzw. dem unumgänglichen Durchgangsstadium in der seelischen Entwicklung eines jeden Menschen den mythologisch-literarischen Namen »Ödipus-Komplex«. Denn Freud war davon überzeugt, daß bereits Sophokles in der äußersten Verdichtung seiner Tra-gödie die kindliche Liebe bzw. den kindlichen Haß gegenüber den Elternfiguren dargestellt habe – ebenso sei Shakespeares ›Hamlet‹, in Goethes ›Faust‹ oder in Dostojewskis ›Brüder Karamasoff‹ »die unvergleichliche Stärke der ersten affektiven Bindungen des Menschenkindes« vorgeführt. In gewissem Sinne hat sich Freud also als Nacharbeiter der großen Künstler gesehen: was diese vorbewußt immer schon erahnten, hat er in die rationale Sprache der Wissenschaft gefaßt und voll bewußtgemacht.

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